Das gehört so!

Die Ben-Trilogie (Teil 1)

Ben hatte immer Zeit für ein Bier. Das war eine Konstante, auf die ich mich verlassen konnte, egal zu welcher Tageszeit. Ben soff auf Pegel, er war ein klassischer Spiegeltrinker. Wenn er morgens aufwachte, legte er auf dem Weg zum Klo eine Pause am Kühlschrank ein, griff sich ein Bier, öffnete es und nahm einen tiefen, langen Zug aus der Flasche. Dann erledigte er das, was alle anderen morgens tun. Nach dem Frühstück, das aus dem Rest des ersten, einem Croissant und dem zweiten Bier bestand, plante er den Tag. Er freute sich immer über Besuch und ich besuchte ihn fast täglich. Wenn er sein Level erreicht hatte, hörte er auf mit dem Trinken und lud erst wieder nach, wenn der Alkoholpegel absank. Das hatte zur Folge, dass er sich den ganzen Tag über mit Bieren in allen Formen und Farben beschäftigte.

Sein Lieblingsbier war helles Hefeweizen, weil es in Kneipen im Verhältnis zu den anderen Bieren das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot. Außerdem erlaubte ihm Weißbier, auf einen Großteil fester Nahrungsaufnahme zu verzichten, da es einen ordentlichen kalorischen Nährwert aufwies. Wenn man wie Ben über den Tag verteilt etwa zehn Weizen trank, musste man sich mit der lästigen Nahrungssuche nicht sehr beschäftigen. Meist besuchte ich Ben, wenn ich selbst meine täglichen Aufgaben erledigt hatte, die größtenteils darin bestanden, flüssige Nahrungsaufnahme vor der Mittagsstunde zu vermeiden und sie durch Halluzinogene zu ersetzen. Wenn wir gegen Mittag mit unserem Schachbrett im Stadtpark am Fluss auftauchten, mischten wir uns unters Volk auf den Bierbänken und das Trinken rechtfertigte sich allein schon dadurch, dass es alle taten.

Am frühen Abend kamen die übrigen Schachspieler hinzu und es entwickelte sich stets eine gesellige Runde bis kurz vor Acht, denn dann hatte Ben einen Auftrag, den er sich nie entgehen ließ. Er musste die Tagesschau sehen. Das war sein einziger, fester Programmpunkt eines jeden Tages. Unter gar keinen Umständen verpasste Ben die Nachrichten. Das war sein intellektueller Beitrag zur Gesellschaft, der ihn mit ihr verband und den er häufig unter Beweis stellte, denn kaum jemand war dermaßen gut über die aktuelle Tagespolitik informiert, wie Ben. Er wusste wirklich über alles bescheid und hatte auch zu allem seine Meinung. Wenn das erledigt war, kehrte er zu den anderen zurück oder trank die beiden letzten Biere des Tages allein, während er so manche Theorie entfesselte. Er ersann die absurdesten Dinge, wobei ich noch heute gerne an seine Lieblingsthese denke, alle Araber seien von Aliens entsandte Botschafter, denn er konnte das sehr gut begründen.

Eines Tages entschloss ich mich, ihn früher als üblich zu besuchen und wir planten während der flüssigen Nahrungsaufnahme unsere Aufstellungen für die Mannschaften durch. Ben hatte den Schachverein gegründet und sobald wir mit den Planungen beschäftigt waren, entwickelten wir einen unbändigen Ehrgeiz darin, den Klub größer, erfolgreicher, attraktiver zu machen und wir übertrafen uns regelmäßig darin, mit großer Fantasie Pläne zu entwerfen. Selten folgten uns die anderen darin, aber wir ließen nicht locker. Durch das langsame und stetige Trinktempo Bens, überholte ich ihn wie immer und wir mussten die Beratungen unterbrechen, um für Nachschub aus dem nahegelegenen „Concord“ zu sorgen. Ein riesiger, Warenhaus-ähnlicher Supermarkt in der Nähe der WG, in der Ben sein Zimmer hatte. „Warte“, sagte Ben und schaltete die Glotze ein. Es war noch nicht Tagesschau-Zeit, aber weil die Röhre am Abend vorher ein Flackern abgab, beunruhigte ihn das zutiefst. „Wie ich mir dachte“, sagte er, „das Ding ist hinüber. Ich komme mit.“

Wir betraten den Supermarkt wie alle anderen durch das Drehkreuz am Eingang und ich machte mich auf die Suche nach einem geeigneten Sixpack, fand auch eins und schaute mich dann nach Ben um, der sich der Abteilung mit den portablen Röhrenfernsehern annahm. „Das da“, sagte er, „ist genau das, was ich brauche“. Er nahm einen der leerstehenden Kartons neben den Glotzen und versuchte, das Gerät dort reinzustopfen, aber es misslang ihm, weil es nicht die richtige Schachtel war. Ich war einigermaßen überrascht über Bens schnellen Kaufentschluss, zumal ich mit ihm jahrelang die Erfahrung machte, dass er eher Geld brauchte, als welches übrig zu haben. Er drehte sich um und äugte den Gang einmal hoch und einmal runter, bis ihm das Regal für Shampoos und Spülungen auffiel, die in riesigen Umverpackungen auf Käufer warteten.

Er ging in aller Ruhe zum Regal, nahm ein 24er-Display Schwartzkopf Anti-Schuppen-Shampoo aus dem Regal, leerte den Inhalt direkt auf die Verkaufsfläche und kam einigermaßen stolz zurück an die Ecke mit den Röhrenfernsehern, wo er das Gerät seiner Wahl souverän einschachtelte. Er verschloss das Paket, so gut es eben ging und kehrte mit einem „Wir sehen uns draußen“ zurück zum Eingang, wo er ohne jede Eile, mühsam und samt Paket unter dem Drehkreuz durchkroch und durch die Tür nach draußen verschwand. Niemand hielt ihn auf. Ich sah ihm dabei aufmerksam zu und konnte es kaum fassen. Er tat das mit solch einer Selbstverständlichkeit, ohne dass er nach links oder rechts schaute oder überhaupt auch nur einen Zweifel daran aufkommen ließ, dass ihn jemand aufhalten könnte, so dass auch genau das geschah. Kein Schwein kümmerte sich drum. „Respekt, Digger“, dachte ich – und zahlte das Sixpack an der Kasse.

Punkt Acht eröffneten wir die Premiere mit einem frischen Weißbier aus dem Kühlfach. Bis dahin hatten wir zu tun, den Fernseher auf die Tagesschau zu justieren, denn wie sich herausstellte, funktionierte die Glotze einwandfrei, war aber nur über die Fernbedienung einzustellen, die Ben im Laden vergessen hatte. Also musste er morgen wieder hin. Ein guter Grund, ihn zu besuchen, wie ich fand. Bis die wohlbekannte Melodie erklang, hatten wir es aber geschafft, ließen die Korken schnäppern und Ben ließ seine, wie jeden Abend um Acht gestellte Frage los: „Na, wieviel Tote?“

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Also dieser Typ kommt mir ja so was von bekannt vor!! Diese Story kannte ich allerdings noch nicht von ihm. Sehr authentisch beschrieben, bin schon auf die beiden nächsten Teile gespannt.

    Hast Du eigentlich Roland (Kaum) gekannt? Er wird morgen beerdigt.

     

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