Nichts ist umsonst

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Der fünfte Abend in Shanghai. Ich war Großstadtleben gewohnt, aber Berlin war im Vergleich zu Shanghai ein Dorf. Am Abend war ich erledigt vom Wandern durch diese riesige Stadt voller blinkender Lichter, Menschen- und Fahrradmassen. Ich musste gut zwanzig Kilometer Asphalt hinter mir und tausend Fotos im Kasten haben. Genau genommen wusste ich nicht mal mehr, wo ich gerade war. Jetzt die Füße hochlegen, den guten Rum aus dem DutyFree auf Eis genießen und mir vom Hotelfenster aus noch etwas den Trubel ansehen, dachte ich. Hauptsache, sitzen.

Diese ganzen Menschenmassen, Neonreklamen und die Kakophonie rundum schafften mich. Die grellen Lichtwände blinkten in allen Farben und ich ließ mich erschöpft auf eine Bank fallen, studierte den Stadtplan und sah nach, wie ich wieder zurück zum Hotel kam. Ich brauchte dringend eine dieser chinesischen Fußmassagen in meinem Rotlichtviertel, in dem ich wohnte. Aber das würde erst am nächsten Tag wieder möglich sein. Abends wandelten sich die Massagesalons zu Bordellen. Wenn ich morgens nach dem Frühstück meine Fußmassage buchte, schliefen die Huren noch. Dann musste ich mich auch nicht mit dem Straßenfänger anlegen, der die Touristen immer abends abfing und mir nachrief, dass ich so gut wie alles für wenig Geld kriegen würde. Jetzt, spät am Abend, war da jedenfalls nichts zu machen mit Massage. Jedenfalls nicht mit DIESER Art von Massage. Also blieb ich noch eine Weile sitzen, sah mir das Treiben in der Fußgängerzone an und hoffte, dass die Schmerzen von selbst nachlassen.

Eine junge Chinesin setzte sich neben mich. Sie war so um die Zwanzig, Zweiundzwanzig vielleicht. Sie war nicht besonders auffällig, außer ihren rot gefärbten Haaren und bevor ich einen Blick auf ihre Kurven riskierte, sprach sie mich auch schon auf meine Kamera an. Sobald sie merkte, dass ich aus Deutschland war, blühte sie richtig auf. Hey, sie studiere deutsch und habe Freunde in Hannover, sagte sie begeistert. Sie rief irgendwas auf chinesisch zu ihrer Freundin rüber und plötzlich saß ich zwischen diesen beiden jungen Frauen und war voll ins Gespräch verwickelt. Ich freute mich, dass sie sich so für mich interessierte und sie wusste tatsächlich einiges über Deutschland und Berlin, konnte auch einige Worte deutsch, sprach aber englisch. Die Zweite sprach offensichtlich kein Wort deutsch und wahrscheinlich auch kaum Englisch, nickte aber lächelnd zu allem was die Erste sagte. Die Studentin sah nicht so aus, als ob sie Geld oder was anderes von mir will. Ihre Begeisterung wirkte ungekünstelt und auf sympathische Weise authentisch, was mir sofort gefiel und ich plauderte einfach munter mit ihr drauf los. Immerhin war sie die erste Person in Shanghai, die überhaupt was von mir wissen wollte.

Dann sagte sie, nicht weit von hier gäbe es eine Bar wo noch mehr Studenten sind und da könnten wir doch gemütlich sitzen und ich dachte, oh nein, weil ich so fürchterlich müde vom Wandern war. Aber es wäre auch nicht weit, sagte sie und außerdem zeigte sie wirklich viel Interesse daran, wer ich war und was ich hier schon so gesehen hatte. Ich fühlte mich geschmeichelt und freute mich darüber, dass die beiden jungen Frauen Zeit für mich hatten. Was mir komisch vorkam, war das Verhalten der Zweiten. Sie sah aus, wie eine chinesische Barbie, mit blond gefärbten Haaren und groß und puppenhaft und lächelte die ganze Zeit über, obwohl sie offensichtlich kein Wort von dem hier verstand. Das schien diese berühmte asiatische Höflichkeit zu sein, dachte ich mir und solange sie damit einverstanden war, was ihre Freundin trieb, sollte es mir auch egal sein. „Okay“, sagte ich. „Ich will nicht sehr weit gehen, es muss hier in der Nähe sein; ja?“ Sie nickte, lächelte – und schon hakten sich links und rechts die Ladies bei mir ein und wir flanierten durch die Menschenmenge, als ob wir das schon den ganzen Abend über so machten. Barbie war fast noch größer als ich, genau genommen die größte Frau hier weit und breit, aber sie sprach kein Wort, sondern lächelte mir nur unentwegt zu, wenn ich sie ansah. Die Andere redete an einem Stück und war eher knuffig und viel mehr mein Typ.

Ich wusste genau, wie das hier aussah – auch wenn es nicht Bangkok war. Auch die entgegen kommenden wussten genau, wie es aussah. Ich merkte es ihnen an. Und vielleicht hatten sie auch recht, aber es war mir egal. Entweder war es das, für was ich es hielt oder es war das, für was sie es hielten, aber so lange es hier nur um drei Drinks für mich und die beiden ging, war mir die Gesellschaft ganz recht. Außerdem war ich viel zu erledigt, als an mehr zu denken. Dann bogen sie mit mir ab und wir standen vor einem Aufzug zu einer Rooftop-Bar. Ich konnte die Bilder davon über dem Aufzug sehen und war zufrieden. „Wenigstens kein Puff“, dachte ich. So sehr hatte ich mich also nicht geirrt. Ich dachte darüber nach, was ich noch an Barem in der Tasche hatte. Ein durchschnittlicher Cocktail kostete 50 Yuan und die 300 in meiner Tasche mussten locker für drei Drinks reichen.

Oben angekommen, stellte sich die Bar als ziemlich exclusiv raus. Die Sessel waren barock, dick und rot gepolstert, es gab überall Spiegel und goldene Fliesen. Der ganze Raum sah aus wie aus einem Film von Fellini. Ohne die beiden hätte ich nie hierher gefunden. Wir suchten uns einen Tisch aus und der Kellner brachte die Karten. Alle Cocktails waren um die 100 eingepreist, was für Shanghai viel war und die beiden orderten auch gleich mal einen. Okay, sagte ich zum Kellner, gib mir ein Bier, denn mehr als 300 Yuan waren nicht drin. Ich saß in der Falle, keine Frage. Aber ich konnte hier immer noch raus wenn ich wollte und dieses eine Bier lang würden es mir meine Füße noch danken. Wenn ich mich so umsah, war das alles andere als eine Studentenkneipe. Die Ladies sprachen mit dem Kellner und fragten mich, ob ich was essen will. Wollte ich nicht. Selbst wenn ich nur für mich was orderte, würde die Kohle nicht reichen. Dann sprachen sie wieder was mit dem Kellner und der zog wieder ab.

Sie merkten jetzt, dass ich misstrauisch wurde. Immer wenn ich die Studentin nach den Details ihrer Uni oder zum Studium fragte, blieb sie vage und genau genommen hatte ich sie wirklich nichts anderes auf deutsch reden hören, als die paar Worte auf der Bank draußen. Je mehr ich sie fragte, desto komischer und verlegener wurden ihre Antworten. Außerdem waren sie jetzt nicht mehr so sehr am Reden interessiert, Barbie auch nicht mehr am Zuhören. Die Rothaarige rutschte ziemlich dicht an mich ran und strich mir übers Haar. Es sei ja ziemlich laut hier, sagte die Studentin. Aber das war es nicht. Im Raum drüben gäbe es Séparées, sagte sie. Da wären wir unter uns. Also doch, dachte ich. Verdammt nochmal! Jetzt hatte ich mich von den beiden Hupfdohlen einwickeln lassen. Ich ärgerte mich über mich selbst. An guten Abenden wäre ich dazu bereit gewesen, das hier auszutesten, aber ich hatte es nicht selbst bestimmt – und das machte mich fertig. Der Kellner kam und brachte die Cocktails, das Bier und einiges an warmen Platten und Snacks. „Das zahlt Ihr mal schön selber“, sagte ich auf deutsch, aber sie verstanden mich sowieso nicht und machten sich übers Essen her. Dann ging ich aufs Klo und die Knuffige sagte zu der Puppe was auf Chinesisch und prompt folgte sie mir, nur um zu sehen, dass ich hier nicht verdufte. Die Klos führten durch einen gemeinsamen Vorraum und während ich in einer Kabine verschwand, blieb sie draußen vorm Spiegel stehen. Ich zählte nochmal nach. 300 Scheine – und draußen stand Barbie. Sie folgte mir zurück zum Tisch.

Die Andere hatte das Zeugs schon verspachtelt und ich gab dem Kellner ein Zeichen, dass ich zahlen will. Jetzt sahen sie auch gar nicht mehr so hübsch aus, weder die eine noch die andere. Sie flüsterten sich gegenseitig irgendwas zu, sahen mich aber nicht mehr an, während ich so tat, als ob ich den U-Bahn-Plan studierte. Der Kellner ließ sich Zeit mit der Rechnung und als er damit ankam, stand die ganze Latte drauf, mehr als 800. Aber darauf war ich vorbereitet. Ich zog die Scheine aus der Tasche und legte sie auf den Tisch, ohne sie anzusehen und wandte mich dem Kellner zu. „Das sind dreitausend für die Drinks“, sagte ich mit lauter und fester Stimme. „Der Rest ist für die Ladies“. Dann nahm ich meine Jacke und sah zu, dass ich in Richtung Aufzug hier wegkam, denn hinter mir schrien die beiden wie die Furien, teils mit dem Kellner und teils in wilden Schimpfwörtern hinter mir her, wozu ich keine Übersetzung brauchte. Es gab einiges an Aufruhr rundherum, aber ich hatte ein reines Gewissen und drücke den Knopf vom Aufzug nach Abwärts.

Unten angekommen wusste ich auch, in welcher Richtung der Eingang zur Ubahn war und erst als ich in der Bahn saß und mein Ärger langsam verrauchte, wurde mir klar, dass ich damit noch ganz gut weggekommen war. Wie konnte ich nur davon ausgehen, dass hier irgendwas umsonst für mich drin war? Die letzten zwei Kilometer von der Ubahn zum Hotel fuhr ich wie immer mit der Fahrradrikscha. Dafür reichte der Rest an Münzgeld noch. Wie immer stand der Fänger vor dem Bordell und versuchte mich zu überreden. Er machte das jeden Abend – aber er wusste natürlich nicht, was ich gerade hinter mir hatte – und pleite war ich auch. „Fickificki“ rief er mir wie jeden Abend nach. Und „Very cheap“. Tatsächlich wurde, was er mir an Zahlen nachrief, jeden Abend niedriger, aber mir reichte es für heute. „Vielleicht morgen“, rief ich ihm zu, „vielleicht morgen“. Im Zimmer goss ich mir einen ordentlichen Rum auf Eis ein, öffnete das Fenster und ließ mich in den Sessel fallen. Draußen war wieder eine Menge los.

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