„Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein. Ich steig aus, gut wieder da zu sein. Zur U-Bahn runter, am Alkohol vorbei. Richtung Kreuzberg, die Fahrt ist frei.“ (Ideal, 1980)
Von Christiane F. wusste ich, dass dort immer was los war. Das gehörte einfach dazu, wenn ich endlich wieder hier war. Junkies saßen rum, Penner strichen umher und irgendwelche zwielichtigen Gestalten standen in der Jebensstraße hinterm Bahnhof. Ich hatte keine Ahnung warum, aber allein dort vorbei zu gehen und sich die Szene anzusehen, war immer ein Erlebnis. Als Kleinstädter hatte ich stets eine riesige Sehnsucht, in dieser rundum eingemauerten Stadt abzuhängen. So ganz ohne Kohle war auch in West-Berlin nichts zu machen, aber immer noch mehr als in jeder anderen Stadt. Allein das Umherstreichen durch die Stadt war Action genug. Vor allem die politische Isolation: Eine glücksselige, aber abgefuckte Insel mitten in einem anderen Land – das übte eine riesige Faszination auf mich aus.
Einer meiner ersten Wege führte mich stets zum Checkpoint Charlie. Auf der Westseite gab es keinerlei Kontrollen oder Hindernisse, so dass ich mich direkt auf die kleine Plattform stellen konnte, keine fünfzig Meter vom Schlagbaum weg. Ich stand lange dort und sah mir an, wer so rein und raus fuhr. Manchmal war auch längere Zeit nix los, aber manchmal sah man große Karossen oder Reisebusse, von denen manche schnell und andere langsam abgefertigt wurden. Alle mussten sie durch das Labyrinth aus Sichtschutzwänden, ab in den geheimnisvollen Osten. In dem privat geführten Mauermuseum, dem Haus am Checkpoint Charlie, war ich allerdings nie. Ich kannte es zwar, aber es interessierte mich nicht. Dem realen Grenzverkehr zuzusehen, fand ich viel spannender.
Auf den Tribünen am Brandenburger Tor war es dagegen langweilig. Die Grenzer waren viel zu weit weg. In der Bernauer gab es deutlich mehr zu sehen. Cool wie im Agentenfilm war es auch, nachts durch Kreuzberg zu ziehen, immer an der Mauer lang. Wenn man eine der Tribünen betrat, sah man den beleuchteten Grenzstreifen mit dem Stacheldraht, dem Minenfeld, den Hunden, den Grenzern, den Wachtürmen. Ich wusste, dass der Streifen unmittelbar vor der Mauer noch zur DDR gehörte und ich kannte auch die Stories, die davon erzählten, dass die Grenzer manchmal durch die Tore in der Mauer kamen, um auf der anderen Seite nachzusehen, wer was auf ihre Mauern gepinselt hatte. Aber beobachtet hatte ich das nie. Ich erinnere mich auch sehr gut an den kleinen Kiosk auf dem U-Bahn Gleis des Bahnhofs Friedrichstraße, wo man zwei Päckchen Zigaretten zollfrei kaufen durfte. Der Bahnhof war ja im Ostberliner Bereich, aber die West-Ost-West-Linie der U6 hielt im Untergrund.
Um dorthin zu kommen, musste man im Wedding oder in Kreuzberg einsteigen und dann durch die Geisterbahnhöfe fahren. Allein das war schon wie im Agentenfilm. Der Zug bremste auf Schritttempo runter und auf dem Bahnsteig sah man die Grenzer mit Gewehr im Anschlag, wie sie die vorbeifahrenden Waggons beobachteten. Friedrichstraße hielt der Zug, weil man von da aus durch den Grenzübergang im Bahnhof ins Ostberliner Stadtgebiet kam, was ich bei jedem einzelnen Besuch auch tat. Wer in den Osten rübermachen wollte, stieg in einem komplizierten Gänge- und Treppenwirrwarr nach oben und unterzog sich dann einer langwierigen Prozedur, die ohne weiteres ’ne Stunde dauern konnte. Zuerst musste man sich die Taschen durchwühlen lassen. Dann ging man zum Ticketschalter und kaufte sich ’ne Eintrittskarte zu Siebenmarkfünfzig für den Osten, sowie fünfundzwanzig Ostmark gegen fünfundzwanzig Westmark, was ein fürchterlich schlechter Deal war. Aber man musste es so machen – es war ein Zwangsumtausch.
Danach betrat man eine etwa zwei Meter fünfzig lange Kabine, an der zur rechten Wand Spiegel angebracht waren. Einer von oben, zwei von vorne und hinten und einer von unten. Auf der linken Seite saß ein uniformierte Grenzer in erhöhter Position und musterte mich ausgiebig. Über den Spiegel konnte der jedem Weib untern Rock sehen. Das hatte er mir voraus. Dann nahm er in einer aufreizenden Ruhe, die ich nirgendwo sonst, an keiner Grenze und keinem Schlagbaum der Welt mehr gesehen oder erlebt hatte, den Pass und prüfte ihn auf jeder einzelnen Seite nach Eintragungen und Visastempel. Wenn er auf den marokkanischen traf, hielt er mir die Seite entgegen, damit ich sie sehen konnte. „Marokko“, rief ich. „Soso, Marokko“, sagte der Grenzer. Das kannte ich schon. Dann nahm er sich die Quittungen aus dem Zwangsumtausch und dem Eintritt vor und checkte auch diese aufs Genaueste. So, als ob ich die Dinger hätte fälschen können. Irgendwann klatschte er endlich seinen eigenen Stempel rein. Dann betätigte er einen Knopf unter seinem Pult und die andere Türseite der Kabine öffnete sich mit einem lauten, quäkenden Summton, den ich bis heute noch nicht vergessen habe.
Wenn man dann endlich drüben war, brachte man die fünfundzwanzig Mark kaum unter. Einmal Busfahren kostete zwanzig Pfennig. Man stieg in den ungarischen Ikarus, steckte zwei Groschen in einen uralten Automaten mit Kurbel, drehte dran und zog sich ein Stück dünnes Papier ab. Das Ticket kam auch raus, wenn man ohne Geld dran kurbelte. Aber ich beobachtete fasziniert, wie alle ihre Groschen da reinstopften und sich erst dann das Papier nahmen. Das beeindruckte mich mächtig. Wenn es bei uns im Westen was umsonst gab, war es auch umsonst. Außerdem genoss ich es, dass nirgends Grundig, ITT oder Coca-Cola zu lesen war, sondern Frieden, Freundschaft, Solidarität.
Direkt beim Busfahrer, der fast immer eine Fahrerin war, konnte man zusehen, wie die zwölf Gänge des Ikarus durchgewirbelt wurden. Erster, zweiter, dritter Gang… rumms! Vierter, fünfter, sechster Gang… klong! Siebter, achter, neunter Gang… ratsch… und ab Tempo Fuffzig wieder rückwärts zur Halte. Die brauchten jedenfalls kein Fitnessstudio für ihre Armkraft, die waren im Training. An der Broilerbude gab es meist nur Bockwurst und davon kriegtest du für eine Mark gleich zwei. Sein Geld in einem der Restaurants loszuwerden, war fast unmöglich, aber wenn man ein paar gute Kneipen kannte, war es am Abend schwer, sich wieder aufrecht und vor Mitternacht durch die Friedrichstraße zurück zu schleusen. Aber oft genug war am Ende des Tages immer noch ein Zehner übrig, den ich in die Ritze einer Sitzbank am Alex klemmte.
Mit der U8 gab es noch eine andere Ubahn mit Geisterbahnhöfen. Da waren es gleich sechs U-Bahnhöfe, wo es wie im Schwarzweißfilm aussah. Die Nord-Süd-S-Bahn, vom Bahnhof Wollankstraße, der genau auf der Grenze lag und den man nur vom Westen aus betreten durfte, war nicht weniger spannend. Die verlassenen Bahnstationen im Osten sahen dort etwas anders aus als in der Ubahn. Hier gab es Sehschlitze, durch die die Bahnsteige bewacht wurden. Das alles gehörte zu jedem Berlinbesuch dazu und umso mehr wundere ich mich darüber, wenn ich heute West-Berliner treffe, die damals noch nicht ein einziges Mal drüben waren, als es drüben noch gab. Bestenfalls zum Durchfahren auf der Autobahn. Das war zweifellos auch spannend, aber gab halt weniger her zum Aufschreiben. Und für Euch zum Lesen.
*
*
*
**************
*
