Filmgeschäft

Der Vermieter terrorisierte mich schon einige Wochen lang. Ich zahlte meine Miete, aber irgendwann muss ihm aufgefallen sein, dass er die Wohnung teurer vermieten wollte. Er wollte mich loswerden. Außerdem wohnte er im selben Haus und es ging ihm auf den Keks, dass in meiner Bude das Leben immer erst nach Mitternacht begann. Das lag zum einen daran, dass mein Job erst abends begann und ich den Feierabend so gestaltete, wie ich es für angemessen hielt und zum anderen, dass auch meine Freunde selten die Angewohnheit hatten, vor Mitternacht aufzukreuzen. Anscheinend gab es Beschwerden, aber keiner der Nachbarn kam je zu mir selbst. Ich hörte es immer nur, wenn es nach wenigen Stunden Schlaf und grundsätzlich früh morgens an die Tür hämmerte. Die ersten Male öffnete ich und hörte mir an, dass er mich hier nicht wünsche und dass ich endlich ausziehen soll. Ich erhielt nie eine Kündigung, nie eine schriftliche Beschwerde der Anderen im Haus, nie irgendwas, was seine These unterstrichen hätte, aber er kam jedes Mal im Morgengrauen an und holte mich aus der Tiefschlafphase. „Machen Sie sofort auf!“, rief er durch das Treppenhaus und schlug die Faust gegen die Wohnungstür. „Ich will Sie hier nicht mehr sehen. Ziehen Sie endlich aus!“, blökte er los. „Immer dieser ganze Besuch. Sie empfangen auch Damen!“, schallte es durch den Hausflur. „Ja, ich empfange Damen“, rief ich durch die geschlossene Tür zurück. „Wo genau im Mietvertrag steht, dass Sie nur an Schwule vermieten?“ Nach dem drittenmal ignorierte ich es. Denn vor Zehn stand ich nie auf und bis ich so richtig in die Gänge kam, dauerte es bis zum Nachmittag und nachts ging es ins Filmgeschäft.

Videothek war immer Nachtschicht. Ich begann vier Mal die Woche abends um acht, zählte die Kasse um Mitternacht und wenn es Wochenenddienst war, ging es bis halb Zwei. Es war keine besonders anspruchsvolle Arbeit. Das Wichtigste war, mit der Kasse umgehen zu können und die Filme in die richtigen Hüllen zurück zu stopfen. In den Achtzigern hatte sich unter den Bandsystemen VHS durchgesetzt. Die analogen Magnetbänder hatten ungefähr das Format ordentlich gebundener Bücher und die gesamte Videothek damit mindestens die Fläche einer ausgewachsenen, städtischen Bibliothek. Mehrere tausend dieser klobigen Dinger steckten in unseren Schränken, hinzu kam ein eigener Raum mit etwa zehntausend CDs, die damals selbst erst vor dem Durchbruch standen und das gute, alte schwarze Vinyl nach und nach ablösten. Da war es nicht selten so, dass die falschen Bänder und Scheiben in den richtigen Covern steckten. Wenn gut was los war, meist so zwischen neun und elf Uhr abends, lief man mit einem Stapel Bestellnummern für mehrere Kunden in die Kammer und suchte sich 'nen Wolf, weil eine der zwanzig Bestellungen nicht zu finden war – und eine Quote von 1:20 war noch eine gute.

Mit der Zeit entwickelte ich ein Handling, das einem guten Barkeeper im wilden Westen zu aller Ehre gereicht hätte. Ich kam nach der Suche mit dem Stapel Bänder wieder aus der Filmkammer und verteilte die Tapes auf der langen, ungefähr zehn Meter reichenden Kundentheke, indem ich sie mit einem genau bemessenen Schwung über die Theke rutschen ließ, um sie zielgenau vor dem Kunden landen zu lassen. Das brachte mir einige Bewunderung bei so manchem Kunden ein, trug aber letztlich dazu bei, dass ich den Job nur drei Monate machte. Die Kunden wussten die Showeinlage zu schätzen und mir machte es Spaß, damit immer besser zu werden. Dem Chef gefiel es nicht. Zu wesentlich mehr Verwirrung trug bei, wenn die falschen Filme in den richtigen Hüllen steckten. Das lag wiederum an dem stets alkoholisierten Einsortierer, der es selten schaffte, eine sechsstellige Zahl numerisch in die richtige Reihenfolge zu bringen, wenn er die Filme mit den Registriernummern versah. Er hatte auch keine Ahnung davon, wie man seine Kunden mit einem ordentlich bemessenen Schwung über die Theke versorgt. Aber er war der Neffe des Chefs und damit außerhalb jeder Kritikfähigkeit.

Das Internet steckte nicht mal in den Kinderschuhen, es war nicht mal erfunden. Das sei an dieser Stelle erwähnt, weil die Pornoindustrie ihre Kunden ausschließlich über die VHS-Kassetten erreichte oder in schmuddeligen Pornokinos, in die niemand freiwillig ging, es sei denn, er hatte ein Date im Kinosessel. Und entsprechend sahen die Sessel auch aus. Wenn man Filme mit Titeln wie „Drei Schwengel für Charlie“, „Dr. Jekyll in Mrs. Hyde“ oder „Beverly Hills Cock“ als unwiderstehlich empfand, war es wesentlich diskreter und zudem noch bequemer, sich zuhause einen von der Palme zu wedeln, als sich bei Beate Uhse verschämt eine drei Mal so teure Karte zu kaufen. Wenn beim Bezahlen der Ausleihe nicht ausgerechnet der Nachbar einen Blick auf das Innere der Filmkassette warf, ging die ganze Chose relativ entspannt und diskret vonstatten. Die Kunden hofften natürlich auch darauf, dass in ihrer kleinen Stadt nicht ausgerechnet jemand hinter der Theke stand, den sie kannten. Was gar nicht so selten passierte. Bei mir passierte es in jeder Schicht mehrmals, was aber auch daran lag, dass die Videothek keine hundert Meter von meiner Wohnung weg war. So lernte ich die sexuellen Neigungen meiner Nachbarn nach und nach kennen. Ich hätte vermutlich ein Vermögen damit verdienen können.

Eines Tages begann die letzte Nachtschicht in der Videothek. Sie begann mit einigen erfolgreichen Sequenzen des guten, alten Such- und Finde-Spiels und ich verbesserte meine Fähigkeiten darin, die Filme über größere Distanzen die Theke entlang fliegen zu lassen. Gegen Zehn kam Langeweile auf, weil die Rush-Hour zu Ende ging und ich stellte mich bereits darauf ein, den Rest meiner Energie in eines der Auffang-Siphons unseres Nachtlebens zu investieren, als er den Laden betrat. Er kam nie um diese Zeit rein, also konnte er auch nicht wissen, dass ich hier Nachtschicht schob. Aber ich erkannte ihn sofort. Es war mein Vermieter und ich wollte ihn nicht sehen, also verkrümelte ich mich in der Filmkammer. Der Kollege wickelte die Bestellung ab und kam dann zu mir nach hinten mit den Rückgaben und den neuen Bestellungen. „Zeig her“, sagte ich, „was schaut sich dieser Scheißkerl so an?“. Er gab mir die Filme und die Bestellnummern – und von da an wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich nahm die Zettel, suchte die Filme raus und kam dann triumphierend um die Ecke zurück zur Theke. Man konnte augenblicklich sehen, wie die Farbe aus seinem Gesicht verschwand. Er hatte nicht erwartet, mich hier zu sehen und ihm schwante übles, er sollte Recht behalten. Ich wusste, dass es mich den Job kostet. Aber das war es mir wert. Die Gelegenheit war unwiderstehlich und ich musste es einfach tun. Genauso laut, wie er es auch immer im Hausflur tat und es auf jeden Fall die drei anderen Kunden im Laden hören mussten, blökte ich „Guten Abend, der Herr! Gerne bearbeite ich Ihre Bestellung! Danke für die Rückgabe von 'Andere Länder, andere Titten', 'Analdin und die wunde Schlampe' sowie 'Alice im Ständerland' – und hier ist Ihre Bestellung für heute Nacht: 'Stoß langsam, Teil Eins bis Drei', 'Schneeflittchen und die sieben Geilen' – Sie zahlen in bar oder mit Ihrer goldenen Porno-Flat-Card?“ Volltreffer. Mehrere nacheinander. Ich hatte ihn schwer erwischt und er taumelte wie ein angeschlagener Boxer nach hinten, verließ den Laden und ich sah ihn nie wieder. Im Laden sowieso nicht, weil mich der Chef zwanzig Minuten später per Telefon rauswarf, aber auch nie mehr vor meiner Wohnungstür. Morgen würde ich ausschlafen können. Und darauf kam es schließlich an.

 

 

 

 

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