Alles auf Sieg

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Bild: Wikimedia Commons

Die Kugel kurvte mit einem ordentlichen Schwung Richtung Drehteller. Ich hatte das jetzt oft genug beobachtet. Noch ca. sieben Runden und sie würde sich Richtung der Zahlen absenken, kurz holpern, vielleicht nochmals aus dem Kästchen springen, sich dann aber für eine Zahl entscheiden. Es war Weihnachten. Und das kommende Jahr musste ein besseres werden. Vier Stunden war es jetzt her, dass ich hier reinkam. Vier Stunden. Das machte 100 Mark pro Stunde Unterhaltung. Es gibt sicher günstigere Vergnügungen. Aber es gab auch teurere, versuchte ich mich zu trösten. Immerhin waren sie hier sehr höflich und nett. Sie verstanden ihr Handwerk. Ich hasste es, wenn man irgendwo Geld hinlegte, sei es fürs Reisen, fürs Trinken oder auch nur fürs Einkaufen – und dann hatte man es mit Amateuren zu tun. Wenn ich mich beispielsweise für einen Plattenspieler interessierte, dann wollte ich auch alles über das Gerät wissen. Wo der produziert wurde, welche Tonabnehmer sich dafür eigneten, welche Pflege dafür nötig war, welcher Antrieb drin verbaut ist und welche Alternativen es gab. Und wollte nicht etwa auf irgendeinen Metzger treffen, der noch nie ne Platte aufgelegt hatte. Ich bewunderte gute Verkäufer. Wer sein Handwerk verstand, konnte mir auch gut was verkaufen, was ich völlig okay fand. Aber wenn ich eine Kneipe betrete und muss dann mehr als zehn Minuten warten, bevor sich jemand um mich kümmert und mir dann überteuerte Drinks verkauft, von denen er keine Ahnung hat, krieg ich die Krise. Wenn jemand Metzger ist, sollte er Schweine in zwei Hälften teilen können und wenn jemand Verkäufer von Stereoanlagen ist, sollte er wissen, welche Technik in seinen Geräten verbaut ist. Und wenn jemand Croupier im Casino ist, sollte er ne Kugel rollen lassen können. Der hier konnte es.

Die Kugel fiel ins Kästchen. Zum achten Mal in Folge in ein rotes. Es war einfach nicht zu fassen. Ich hatte vierhundert Mark im Monat, um damit über die Runden zu kommen. Zweihundert davon hatte ich einstecken, als ich hier reinkam und ein todsicheres System. Ich konnte gar nicht verlieren. Es war mathematisch quasi ausgeschlossen. Nur ein irrsinniger Zufall würde mich um das Geld erleichtern. Und nun trat dieser Irrsinn zum zweiten Mal in Folge auf. Ich schlich zum Ausgang, nahm meinen Mantel und machte mich auf den weiten Fußweg nach Hause. Für eines der Taxis, die vor der Spielbank warteten, hatte ich kein Geld mehr. Als ich das Casino betrat, malte ich mir noch aus, beim Verlassen locker eins herbei zu winken und anschließend ein fürstliches Trinkgeld zu geben. So kannte ich es aus Filmen. Sie kamen immer voller Selbstbewusstsein und erhobenen Hauptes aus dem Haus, streiften sich den Mantelkragen hoch und hoben kurz die Hand zum Zeichen, dass eines der Taxis vorfahren solle. Nie kam jemand so raus wie ich in diesem Moment. Gebrochen und um den halben Monatsunterhalt ärmer und stinkwütend, dass es nicht mit dem gewinnen klappte. Dabei war es unfehlbar. Man musste dazu nicht mal Mathematiker sein wie der Typ, der es mir erklärte: „Du gehst ans kleine Spiel“, sagte er. „Du setzt nur zwei Mark und du setzt immer nur auf die fifty-fifty-Chance. Wenn Du gewinnst, hast Du zwei mehr. Wenn Du verlierst, setzt Du das Doppelte, also vier Mark. Gewinnst Du, hast Du insgesamt sechs eingesetzt, aber acht gewonnen, also zwei mehr als am Anfang. Verlierst du, setzt du acht Mark und so weiter. Egal wie es ausgeht, solange du verlierst setzt du das Doppelte und am Ende hast du bei jedem Gewinn immer zwei Mark mehr.“ Ich rechnete es mir durch. Es stimmte tatsächlich. Warum machte das sonst keiner?

Um sicher zu gehen, dass ich auch sieben mal nacheinander verlieren durfte, nahm ich mir 200 Mark mit. Am Anfang funktionierte es. Ich war bereits auf 262 Mark, als es bergab ging. Ich setzte einfach immer auf Rot. Und dann geschah das Unglaubliche. Acht mal nacheinander schwarz. Ich begann an eine Verschwörung zu glauben. Dann nahm ich meine letzten sechs Mark und legte sie auf die Dreizehn. Sozusagen als Beweis für die Verschwörung. Der Croupier schwang das Rad und ließ die Kugel reinrollen. Sie drehte sich langsam runter, senkte sich, fand den Zielkasten und blieb wie Blei auf der Dreizehn kleben. Na also. Ich hatte mit nur einem Spiel wieder 216 Mark in der Tasche. Von da an war klar: Auch wenn es das erste Mal schief ging, diesmal würde es funktionieren. Es war ein Wink des Himmels. Also machte ich es genau so wie das erste Mal. Ich setzte nur zwei Mark und verdoppelte jedes Mal, wenn ich verlor. Das Drama wiederholte sich. Diesmal hatte ich jedes Spiel auf schwarz gesetzt, nur um sicher zu gehen. Und gerade senkte sich die Kugel zum achten Mal in ein rotes Kästchen. Das war’s. Halber Monat trocken Brot.

Zuhause dachte ich darüber nach. Nichts von dem, was ich in der Spielbank trieb, schien mir fehlerhaft zu sein. Ich hatte einen garantierten Gewinn von jeweils zwei Mark, wenn ich solange verdoppelte, bis ich gewann. Wenn ich in einer Stunde nur fünf mal gewann, waren das zehn Mark. Und ich war inzwischen so routiniert, dass ich es auf zehn bis fünfzehn Gewinne pro Stunde brachte. Besser als dafür Schweine in Hälften zu teilen oder Taxi zu fahren, dachte ich mir. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Mal innerhalb eines Abends bei acht aufeinander folgenden Einsätzen jeweils nur eine Farbe fiel? Ich rechnete es mir aus. Es war eine Wahrscheinlichkeit, die bei ca. 1:180.000 lag, wenn man die Pausen der Croupiers nicht mit einrechnet. 1:180.000. Und war es nicht ein Zeichen Gottes, dass er mitspielte und mitfieberte, als er mir mit dem einen einzigen Einsatz auf die Dreizehn bewies, dass ich im Prinzip richtig lag, nur wahnsinniges Pech gehabt hatte? Bei der zweiten Serie war er vermutlich einfach nur eingenickert. Und ich musste zu Fuß laufen. Von wegen halber Monat trockenes Brot. Morgen würde ich zurückkehren wie Phoenix aus der Asche mit weiteren zweihundert und beweisen, dass die Logik siegt. Ich würde mir nicht nur meine zweihundert in lächerlichen hundert Siegen zurückholen, ich würde mit mehr rausgehen, als ich an beiden Abenden investierte, soviel war sicher. Mit diesen Gedanken schlief ich ein und versuchte zu ignorieren, mit wie viel Zaster ich gerade in den Miesen war.

Der zweite Abend kam und ich machte mich auf zum Casino. Anzug und Krawatte auf einem blütenweißen Hemd machten auch nach außen deutlich, wie ernst es mir mit dem Gewinnen war. Ich warf ein Blick auf die Taxis, als ich reinging, denn ich wollte nicht so wirken, als ob ich erst danach suchen müsste, wenn ich mit meinen Taschen voller Geld wieder rauskam. Ich nahm mir die hundert Chips zu je zwei Mark und schaute mich um nach einem Groupier, der sein Handwerk versteht. Als ich mich entschieden hatte, legte ich los. Nach zwanzig Runden war ich um zwölf vorn, es schien zu laufen. Um Zeit zu gewinnen, erhöhte ich die Gewinnmarge auf vier Mark. Auch das ging gut. Dann wurde es mir zu langweilig, immer nur auf rot oder schwarz zu setzen und ich fing an, mit geraden und ungeraden Zahlen, mit der höheren und niedrigeren Zahlenhälfte zu experimentieren. Nach zwei Stunden war ich bei hundert plus. Jetzt noch zwei Stunden und dann aber richtig ab in die Vollen, rechnete ich mir durch. Silvester auf Hawaii?

Ich war nicht mal zu übermütig. Ich behielt das System bei. Ich hätte ja auch auf eine Drittelchance setzen können und den Einsatz bei Verlust verdreifachen können. Nein, ich blieb diszipliniert und setzte immer schön auf meine 50%ige. Aber vier Mark mussten es schon sein, damit sich der Stundenlohn rechnet, kalkulierte ich während des Setzens. Und dann begann ich, zu verlieren. Ich verlor einmal und verdoppelte, ich verlor zweimal und verdoppelte, ich verlor dreimal und verdoppelte. Beim fünften Mal dachte ich, okay, noch zwei mal wird es nicht passieren, aber es passierte das sechste und es passierte das siebte Mal. Ich hätte beim achten Mal 512 Mark setzen müssen und hatte nur noch fünfzig übrig. Ich beschloss, dass es Zeit für einen Drink war, schnaufte durch und orderte einen doppelten Bourbon auf Eis. Vierzig blieben übrig. Jeder vernünftige Mensch hätte erkannt, dass er, wenn auch grandios, gescheitert war. Mit vierzig Mark hätte ich mir zwanzig Christstollen kaufen können und so dem drohenden Hungertod entgehen können. Aber ich war wie im Fieber. Das System hatte mehrmals funktioniert, es war mathematisch einwandfrei, es war bewiesen, dass einer gar nicht so viel Pech haben kann, wie ich an diesen beiden Abenden. Also nahm ich die vierzig und packte sie auf die 27, ganz einfach, weil ich die Zahl so schön fand und war mir fast sicher, dass Gott mich ein weiteres Mal retten würde.

Die Kugel drehte sich mehrmals mit dem Teller am oberen Rand der Schüssel und fiel dann träge ich Richtung der rot-schwarzen Kästchen, touchierte die 27 und sprang dann über, bezeichnenderweise exakt auf die grüne Null, auf der sie satt liegen blieb. Der Croupier sackte sehr professionell meine vierzig und all die übrigen Chips ein, als ob er sowieso nur drauf wartete, dass wir alle verlieren würden, ganz einfach, weil er es wusste. Ich trank aus und schlich ein zweites Mal in den frühen Morgenstunden aus der Spielbank, inzwischen um einen ganzen Monatsunterhalt ärmer, tappte an den Taxis vorbei und ärgerte mich schwarz, wie ungerecht die Welt zu mir war. Ich verließ die Stätte des Schmachs, der großen Niederlage. Mir ist bis heute unklar, wie es dazu kommen konnte. Ich hatte kein Vermögen verloren, kein Haus und kein Auto verspielt. Aber auf diesem Heimweg, als mir klar wurde, dass der Januar aus Fasten bestehen würde, da schwor ich mir, niemals wieder einen Fuß in eine Spielbank zu setzen. Und bis heute hielt ich mich dran.

 

 

 

 

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